Perspectives & Voices

Worte als Waffe – Der leise Krieg gegen die Demokratie

Text: Fabienne Hofmeister 01.07.2025
Kann ein Tweet eine Demokratie destabilisieren? Kann ein Deepfake Wahlen beeinflussen? Und können autoritäre Staaten durch gezielte Desinformation mehr erreichen als durch Panzer und Sanktionen?
Die Antwort auf all diese Fragen lautet: ja. In einer Ära hybrider Bedrohungen ist Desinformation längst keine Nebensache mehr, sondern ein zentrales Element strategischer Einflussnahme.

Besonders Demokratien sind anfällig – gerade weil sie offen, pluralistisch und rechtsstaatlich organisiert sind. Doch das Völkerrecht und die internationale Sicherheitspolitik tun sich schwer, mit dieser neuen Form der Bedrohung umzugehen. Doch wie erkennt man, was falsch ist, wenn es sich echt anfühlt? Desinformation ist kein festes Format, sondern eine Strategie. Sie kommt als Bild, als Stimme, als Text – manchmal schrill, manchmal subtil. Sie tarnt sich als Meinung, als Nachricht, als Witz. Und gerade das macht sie so gefährlich: Sie passt sich an – an unsere Medien, unsere Emotionen, unsere Unsicherheiten.

US-Wahlkampf und Ukraine
Das zeigt sich besonders deutlich an zwei Fällen der jüngeren Vergangenheit, die inzwischen als Blaupausen moderner Desinformationsstrategien gelten: Im US-Wahlkampf 2016 versuchten russische Akteure gezielt, das Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben. Über Fake-Accounts, orchestrierte Kampagnen und emotionale Inhalte wurde vor allem die Kandidatin Hillary Clinton attackiert – unter anderem durch die Verbreitung absurder Verschwörungstheorien wie „Pizzagate“. Millionen Menschen sahen und teilten die Inhalte, lange bevor sie als Fälschungen enttarnt wurden. Einige Jahre später wiederholt sich dieses Muster im Krieg gegen die Ukraine – nur in größerem Maßstab. 

Informationsraum als Schlachtfeld
Bereits vor der russischen Invasion 2022 bereitete eine Flut propagandistischer Narrative den Boden: von angeblich „faschistischer“ ukrainischer Regierung bis hin zu inszenierten Angriffen. Seitdem ist der Informationsraum selbst zum Schlachtfeld geworden – mit manipulierten Videos, Deepfakes und gezielten Kampagnen, die nicht nur Meinungen beeinflussen, sondern die Wahrnehmung von Realität selbst verschieben sollen. Desinformationskampagnen geschehen jedoch tagtäglich und oftmals so subtil, dass die manipulierten Inhalte nicht direkt enttarnt werden. Doch wer profitiert von dieser gezielten Verunsicherung?

Die Profiteure
Es sind in erster Linie jene, die kein Interesse an stabilen, pluralistischen Demokratien haben: autoritäre Staaten wie Russland oder China, aber auch rechtspopulistische und antidemokratische Kräfte innerhalb westlicher Gesellschaften selbst. In beiden Fällen folgt die Logik einem ähnlichen Muster: Je weniger Vertrauen Menschen in Medien, Institutionen oder demokratische Entscheidungsprozesse haben, desto anfälliger werden sie für einfache Wahrheiten, für Polarisierung, für radikale Erzählungen. Autokratien setzen Desinformation gezielt ein, um geopolitische Ziele zu verfolgen – etwa um Einflusszonen auszuweiten, die öffentliche Meinung in anderen Staaten zu manipulieren oder das Vertrauen in internationale Bündnisse wie die EU oder die NATO zu untergraben. Für sie ist die Schwäche des Gegenübers oft wirkungsvoller als die eigene Stärke. 

Desinformation und Macht
In diesem Sinne ist Desinformation nicht nur eine kommunikative Technik, sondern ein strategisches Mittel moderner Machtausübung. Gleichzeitig bedienen sich auch innergesellschaftliche Akteure – insbesondere populistische Bewegungen – derselben Instrumente. Sie profitieren von Empörung, von Misstrauen, von emotionalisierter Kommunikation, die nicht auf Dialog, sondern auf Spaltung zielt. Die Grenzen zwischen Desinformation aus dem Ausland und gezielter Manipulation von innen verlaufen zunehmend fließend. Was als Trollkampagne aus Sankt Petersburg beginnt, endet nicht selten in den Telegram-Kanälen westlicher Politiker. Diese Dynamik stellt Demokratien vor eine doppelte Herausforderung: Sie müssen sich nicht nur gegen äußere Einflussversuche behaupten, sondern zugleich ihre eigenen demokratischen Strukturen gegen innere Erosion verteidigen.

Echt oder Fake?
Denn der größte Erfolg einer Desinformationskampagne liegt nicht darin, Menschen kurzfristig zu täuschen – sondern darin, dass sie dauerhaft an der Wahrheit zweifeln. Doch wie kann man überhaupt erkennen, ob eine Information echt ist? In einer digitalisierten, hochdynamischen Medienumgebung ist das oft schwieriger als es scheint. Viele Desinformationen wirken auf den ersten Blick plausibel – gerade weil sie emotional anschlussfähig, visuell überzeugend oder in bekannte Narrative eingebettet sind. Umso wichtiger ist es, bewusst hinzusehen: Wer ist die Quelle? Gibt es weitere unabhängige Bestätigungen? Entspricht das, was gesagt wird, den bekannten Fakten – oder erzeugt es vor allem Empörung? Hilfreich sind sogenannte „Open Source Intelligence“-Methoden (OSINT), wie sie von Investigativmedien und Faktencheckern eingesetzt werden: Geolokalisierung, Rückwärtssuche von Bildern oder die Analyse von Metadaten können helfen, manipulierte Inhalte zu entlarven. 

Digitalkompetenz und Verantwortung
In der Breite braucht es jedoch niedrigschwellige, digitale Kompetenz. Schulen, Universitäten und Medienhäuser stehen hier in der Pflicht, ein kritisches Bewusstsein für den Umgang mit Informationen zu fördern – nicht nur technisch, sondern auch demokratiepolitisch. Gleichzeitig dürfen sich Demokratien nicht allein auf die Medienkompetenz des Einzelnen verlassen. Plattformen wie X, Facebook oder TikTok tragen eine reale Mitverantwortung, wenn es um die Verbreitung von Falschinformationen geht – insbesondere in Wahlkampfzeiten oder Krisen. Transparente Moderationsrichtlinien, konsequente Kennzeichnung manipulierter Inhalte und die Eindämmung von automatisierten Desinformationsnetzwerken sind zentrale Bausteine. Auch Staaten können handeln – durch völkerrechtliche Normsetzung, durch institutionelle Resilienz und durch strategische Kommunikation. Denn so schwer greifbar Desinformation auch ist: Sie wirkt. Nicht wie ein Einschlag, sondern wie ein Riss – schleichend, tief und langfristig. Umso wichtiger ist es, sie nicht einfach hinzunehmen, sondern ihr mit Aufklärung, Regulierung und gesellschaftlicher Wachsamkeit entgegenzutreten. Wahrheit braucht nicht nur Mut, sondern auch Infrastruktur. 

Fabienne Hofmeister


Fabienne Hofmeister ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf Internationale Beziehungen, Digitale Sicherheit und Politische Kommunikation. Neben ihrem Studium an der Universität Trier arbeitet sie am Fraunhofer ITWM und publiziert regelmäßig zu Themen wie Desinformation, Cybersecurity und Europäische Außenpolitik. 
Fabienne Hofmeister engagiert sich als Vorsitzende bei IFAIR.

Die Young Initiative on Foreign Affairs and International Relations (IFAIR) e.V. hilft jungen Menschen, die internationalen Beziehungen von morgen zu gestalten. Dazu schreibt IFAIR regelmäßig Projekte aus, bietet über ihren Open Think Tank www.ifair.eu eine Plattform zum Austausch und vernetzt ihre Mitglieder mit wichtigen Akteuren aus der Praxis.