Interview mit Prof. Dr. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission
Bildung weltweit – Der Weltbildungsbericht 2024/2025
Der Weltbildungsbericht 24/25 dokumentiert den Stand der Bildung weltweit. Mit ihm überprüft die UNESCO, wie weit die Weltgemeinschaft gekommen ist, bis 2030 inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sowie lebenslanges Lernen für alle Menschen zu erreichen. Über den Weltbildungsbericht hat das Diplomatische Magazin mit der Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, Prof. Dr. Maria Böhmer, gesprochen.
Frau Prof. Dr. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission
DM
Frau Prof. Dr. Böhmer, im Jahr 2030 sollen die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN, u.a. Zugang zu Bildung, verwirklicht sein. Wie steht es um die Bildung weltweit, fünf Jahre vor dem ausgegebenen Ziel 2030?
Prof. Dr. Maria Böhmer
Wir sehen Fortschritte. Der aktuelle Weltbildungsbericht 2024/25 stellt fest, dass heute mehr Menschen als je zuvor an Bildung teilhaben: Gegenüber 2015 besuchen etwa 110 Millionen mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene eine Schule. Auch die Abschlussraten steigen. Aber der Bericht zeigt auch, dass es noch sehr viel zu tun gibt. Trotz steigender Einschulungszahlen bleiben weltweit mehr als 250 Millionen Kinder und Jugendliche ohne Schulbildung, 650 Millionen verlassen die Schule ohne einen Abschluss der Sekundarstufe. Damit sind wir weit von dem Bildungsziel der Vereinten Nationen entfernt. Die COVID-19-Pandemie hat zu einem beschleunigten Rückgang der Lernergebnisse geführt. Obwohl wir diese alarmierenden Daten haben, lässt sich weltweit beobachten, dass nationale und internationale Investitionen in die Bildung rückläufig sind. Für viele Länder sind die hohe Verschuldung und die damit verbundenen Ausgaben ein Problem. Zugleich haben wir große Aufgaben in der Bildung vor uns, darunter die Digitalisierung und die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Digitale Medien können zwar den Zugang zu Bildung erleichtern, doch zugleich müssen neue Kompetenzen vermittelt und erlernt werden.
Prof. Dr. Maria Böhmer
Im Mittelpunkt steht die besondere Rolle von Führungskräften für die Qualität und den Erfolg eines Bildungssystems. Dies sind zunächst die Schulleitungen. Die wesentliche Erkenntnis lautet: Starke Schulleitungen, die klare Ziele setzen, Lernerfolg fördern, die Zusammenarbeit im Schulalltag stärken und sich um Personalentwicklung kümmern, sind für das Bildungswesen von entscheidender Bedeutung. Zu oft fehlt den Verantwortlichen laut Bericht aber die notwendige Entscheidungsfreiheit, um das Potenzial ihrer Rolle komplett auszuschöpfen. Verwaltungsaufgaben nehmen viel Raum ein. Wenn wir hochwertige Bildung wollen, müssen wir also dafür sorgen, dass die Energie von Schulleitungen in die Weiterentwicklung von Schule fließen kann.
Der Bericht gibt vier Empfehlungen:
- Schulleitungen benötigen einen ausreichend großen Handlungsspielraum und die notwendigen Ressourcen um ihre Schulen erfolgreich zu entwickeln.
- Neben einer angemessenen Einstellungspraxis bedarf es passender Aus- und Fortbildungen für Schulleitungen, um sie auf ihre Aufgaben vorzubereiten.
- Die Zusammenarbeit für Führungskräfte ist zentral. Leadership führt dort zu guter Bildung, wo Ziel und Aufgaben geteilt werden: mit Lehrkräften, Schülerinnen, Schülern und Eltern.
- Es muss in Führungskräfte in der Bildungsverwaltung investiert werden. Bildungsbehörden sollten Schulen nicht nur kontrollieren, sondern unterstützen.
DM
Was hat Sie am meisten überrascht an diesem Bericht?
Prof. Dr. Maria Böhmer
Ich freue mich sehr über die Klarheit, mit der die Autoren die Bedeutung von Führungskräften in der Bildung hervorheben und zugleich deutlich machen, dass es auf Führungskräfte auf allen Ebenen ankommt, angefangen bei der Einzelschule über Mitarbeitende in der Bildungsverwaltung bis zu politischen Entscheidungsträgern. Eine interessante Feststellung in diesem Zusammenhang ist, dass es sich laut Bericht positiv auf die Bildung auswirkt, wenn mehr Frauen in Führungspositionen sind, gerade auch in der Politik. Zugleich beobachten wir, dass weltweit zwar viele Frauen als Lehrkräfte tätig sind, aber nur wenige Schulleitungen weiblich sind. Hier gibt es also ein großes Potential für Verbesserungen. Erfreulich wie hilfreich sind auch die vielen, ganz konkreten Empfehlungen. Sicherlich brauchen wir weltweit mehr Geld für die Bildung. Daneben wird aber auch deutlich, dass wir in der Art und Weise, wie wir Führungskräfte auswählen, vorbereiten und weiterbilden, viel für die Qualität in der Bildung bewegen können. Dass wir weltweit zu wenig für die Bildung ausgeben, ist in Zeiten knapper Haushalte leider wenig überraschend. Es sollte aber ein Weckruf für uns sein, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht.
DM
Rund 250 Millionen Kinder und Jugendliche weltweit wachsen ganz ohne schulische Bildung auf. Welche Länder sind davon besonders betroffen und was sind die Gründe?
Prof. Dr. Maria Böhmer
Es gibt hier in der Tat sehr große regionale Unterschiede. Rund 33 % der Kinder und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter in Ländern mit niedrigem Einkommen sind nicht in der Schule, verglichen mit nur 3 % in Ländern mit hohem Einkommen. Mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen in der Welt, die nicht zur Schule gehen, leben in Subsahara-Afrika. Zu viele Kinder dort beginnen die Schule erst spät und wiederholen Klassen. Während die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den Abschlussraten im Sekundarbereich auf globaler Ebene beseitigt wurden, sind sie in Subsahara-Afrika nach wie vor groß. Viele Lehrkräfte dort verfügen nicht über die geforderten Mindestqualifikationen. Erschreckend ist das Gefälle bei den Bildungsinvestitionen zwischen den Ländern: Länder mit niedrigem Einkommen gaben 2022 nur 55 US-Dollar pro Schüler aus, während es in Ländern mit hohem Einkommen 8.543 US-Dollar waren. In Subsahara-Afrika ist die Situation besonders dramatisch, nicht zuletzt aufgrund hoher Verschuldung. Im Jahr 2022 gaben die Staaten in dieser Region fast so viel für den Schuldendienst aus wie für die Bildung. Gleichzeitig ist der Anteil der öffentlichen Entwicklungshilfe, der weltweit in die Bildung fließt, von 9,3 % im Jahr 2019 auf 7,6 % im Jahr 2022 gesunken.
DM
Was muss geschehen, um das zu ändern?
Prof. Dr. Maria Böhmer
Investitionen in Bildung sind Investitionen in die Zukunft, die sich auszahlen. Der Weltbildungsbericht wird in diesem Zusammenhang auch in Zukunft als zentrales Instrument gefragt sein. Immer wieder zeigt er auch die Bedeutung einer zielgerichteten Finanzierung auf. Auch Menschen, die von Kriegen und Konflikten bedroht sind, verdienen unsere besondere Unterstützung. Ich nenne hier nur den Sudan oder die Ukraine als Beispiel. Ein weiterer Punkt ist mir wichtig: Wenn wir die Qualität und den Zugang zu Bildung verbessern wollen, müssen wir immer die ganze Biografie im Blick haben. Wir wissen, dass die frühkindliche Bildung enorm wichtig ist für die weitere Bildungsbiografie. Für einen gelingenden Übergang in den Beruf sollten wir neben der akademischen unbedingt auch die Bedeutung der beruflichen Bildung weltweit stärken.
DM
Frau Prof. Böhmer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Interview: Marie Wildermann
Prof. Dr. Maria Böhmer
Maria Böhmer war 27 Jahre lang Abgeordnete des Deutschen Bundestages (1990 – 2017). Als Staatsministerin im Auswärtigen Amt hat sie die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 bei den Vereinten Nationen verhandelt und war 2015 Vorsitzendedes UNESCO-Welterbekomitees. Von 2005 bis 2013 war sie Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Die Professorin für Pädagogik in Heidelberg (seit 2001) ist seit 2018 Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission.