Interview mit Gordon Emons, Leiter des Zentrums für Verhaltenssucht der Caritas Berlin

Was tun gegen Smartphone- und Internetsucht?
„Das ganze Wochenende Gaming“

Stundenlang chatten statt Hausaufgaben machen, in die virtuelle Welt abtauchen statt sich mit Freunden zu treffen oder Sport zu treiben: Das Medien- bzw. Smartphoneverhalten ist mittlerweile Streitthema Nr. Eins in Familien. Und wie Social Media junge Menschen manipulieren und radikalisieren kann, zeigt derzeit die Netflix-Serie “Adolescence” auf erschreckende Weise. Wieviel Mediennutzung ist ok? Wann wird aus dem exzessiven Medienkonsum Sucht? Das Zentrum für Verhaltenssucht der Berliner Caritas berät Eltern in Medienerziehungsfragen und bietet Workshops für Kinder, Jugendliche und pädagogische Fachkräfte an. Mit Gordon Emons, dem Leiter des Zentrums, hat das Diplomatische Magazin gesprochen.

Gordon Emons, Leiter des Zentrums für Verhaltenssucht der Caritas Berlin

DM Herr Emons, wenn Eltern zu Ihnen kommen, dann wahrscheinlich, weil sie nicht wissen, wie sie mit ihren smartphone- und internetsüchtigen Kindern und Jugendlichen umgehen sollen?
Gordon Emons Genau, so schildern es die Eltern und sprechen sehr schnell von “Sucht” Aber bei 80, 90 Prozent der Eltern, die sich an uns wenden, würden wir nicht von einem Suchtverhalten sprechen. Die Kinder und Jugendlichen zeigen sicherlich ein exzessives Verhalten, aber eine Sucht würde man zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch nicht diagnostizieren.
DM Wo liegt der Unterschied zwischen exzessiver Nutzung und Sucht?
Gordon Emons Man kann es nicht allein an der Dauer festmachen, die jemand virtuell unterwegs ist. Jugendliche nutzen das Smartphone für ganz unterschiedliche Bereiche, um Musik zu hören, Videos anzuschauen, zum Kommunizieren mit ihren Freunden. Der Unterschied zwischen Sucht und exzessivem Verhalten liegt vor allem darin, dass Suchtverhalten oft mit sozialem Rückzug einhergeht.
DM Ab wann wird die exzessive Nutzung bedenklich?
Gordon Emons Bedenklich ist es, wenn der oder die Jugendliche sich immer mehr aus dem sozialen Kontext in die virtuelle Welt zurückzieht, wo es keine Kopplung mehr in die Realität gibt. Ein Beispiel: Wenn ein Jugendlicher jeden Tag von 16 bis 22 Uhr an der Spielkonsole sitzt und mit seinen Freunden aus der Schule, aus dem Verein, aus der Nachbarschaft gemeinsam ein Spiel spielt, ist das etwas anderes, als wenn er sechs Stunden am Tag vor der Konsole sitzt und ausschließlich mit fremden Personen spielt, die er nicht aus seinem sozialen Kontext kennt. Wenn er sich viel in der virtuellen Welt aufhält und nur wenige soziale Bezüge im realen Leben hat, dann kann sein Medienkonsum bedenklich werden.
DM Ist das ein Symptom für ganz andere Probleme?
Gordon Emons Genau, das kann es sein. Beispielsweise psychische Erkrankungen, wie ADHS, Asperger-Autismus oder Tendenzen zu depressiven Verstimmungen, Unsicherheit und Ängstlichkeit oder ähnliches.
DM Eltern wollen aber auch, dass ihre Kinder Hausaufgaben machen, Sport treiben und am gemeinsamen Essen in der Familie teilnehmen. Bei exzessiver Smartphone- und Internetnutzung ist das ja kaum noch möglich.
Gordon Emons Viele Jugendliche schaffen es tatsächlich ganz gut, neben einer exzessiven Nutzung ihre tagtäglichen Aufgaben zu erledigen. Aber wenn es problematisch wird, hilft es, gemeinsam Regeln zu vereinbaren. Zum Beispiel, mit dem Jugendlichen gemeinsam zu überlegen, ob es Sinn macht, eine halbe Stunde vor dem Abendessen noch ein bestimmtes Spiel zu spielen. Manche Spiele dauern zwei, drei Stunden. Wichtig ist, dass Eltern mit ihren Kindern in Kommunikation treten, Regeln miteinander vereinbaren. Und natürlich im nächsten Schritt gemeinsam überlegen, was sind denn die Konsequenzen, die Eltern ergreifen, wenn das Kind, der Jugendliche sich nicht an vereinbarte Regeln hält.
DM Wie können solche Konsequenzen aussehen?
Gordon Emons Das ist abhängig von der Familien-Situation. Manchmal kann die Konsequenz sein, dass das Smartphone über Nacht bei den Eltern bleibt oder dass es eine bestimmte Belohnung nicht gibt. Oder es werden Nutzungszeiten auf dem Smartphone eingerichtet. Da gibt es gute Möglichkeiten, dass bestimmte Apps, die exzessiv genutzt werden, wie beispielsweise TikTok oder Instagram, nur ein oder zwei Stunden am Tag nutzbar sind.
DM Wie sollten Eltern reagieren, wenn das Kind schädliche Inhalte konsumiert wie Gewalt- oder Pornovideos?
Gordon Emons Wenn ich meinem Kind, meinem Jugendlichen ein Smartphone oder Tablet überlasse, muss ich mir vorher Gedanken machen, ob und wie ich diese Bereiche blockieren kann und beispielsweise über die Smartphone-Einstellungen den Jugendschutz aktiviere oder eine entsprechende Kindersicherungs-App einrichte, sodass der Zugriff begrenzt ist. Es kann natürlich auch sein, dass Kinder und Jugendliche von anderen Nutzern oder Klassenkameraden entsprechende Bilder gezeigt bekommen oder dass die über den Klassenchat verschickt werden. Und da ist es ebenso wichtig, mit den Kindern, gerade im jüngeren Alter, im Gespräch zu bleiben und immer wieder auch nachzufragen: Hast du seltsame Dinge erlebt, die dir ungute Gefühle gemacht haben. Sodass die Kinder und Jugendlichen das Gefühl haben, sie können mit ihren Eltern auch darüber reden, ohne dass sie sanktioniert werden.
DM Es heißt, der beste Schutz ist eine hohe Medienkompetenz. Was genau bedeutet Medienkompetenz?
Gordon Emons Dass Kinder und Jugendliche verstehen, welche Mechanismen hinter den einzelnen Apps stecken, wie die Industrie hier arbeitet. Und dass sie die Dynamiken verstehen, die es in der virtuellen Welt gibt, zum Beispiel beim Thema Cybermobbing. Aber ebenso sollen sie erfahren, dass es völlig in Ordnung ist, Computerspiele zu spielen oder in den sozialen Netzwerken unterwegs zu sein. Dass es aber genauso wichtig und hilfreich ist, Sport zu machen, ein Musikinstrument zu lernen oder sich mit Freunden im Real Life zu treffen.
DM Ab welchem Alter sollten Kinder ein Handy haben?
Gordon Emons Ich würde die Frage anders formulieren: Ab wann und für was ist ein Handy hilfreich und erforderlich. Bei ganz jungen Kindern fängt man vielleicht damit an, indem man gemeinsam für eine halbe Stunde ein Spiel spielt und dann packt man das Tablet wieder weg. Eltern sollten sich überlegen, für was braucht das Kind ein Smartphone? Geht es darum, telefonisch erreichbar zu sein? Dann spiele ich beispielsweise nur bestimmte Apps auf das Smartphone, damit das Kind erreichbar ist. Also ich glaube, vor dem Alter von fünf, sechs Jahren kann man gut ohne Handy einen Alltag mit Kindern gestalten. Das Smartphone wird aber in der Regel schon viel früher eingesetzt. Dagegen ist auch nichts zu sagen, einem Fünfjährigen ein Smartphone zu geben, damit er vielleicht einen Kindertrickfilm anschaut, damit man selbst in Ruhe die Wäsche aufhängen kann. Eltern von jüngeren Kindern gebe ich manchmal den Tipp: Schenken Sie Ihrem Kind kein Smartphone, sondern leihen Sie es ihm. Das macht es bei Bedarf einfacher, dieses Smartphone wieder zurückzunehmen.
DM Wenn Eltern versuchen vorzubeugen, dann hören sie häufig: Aber das machen doch alle so, das ist doch nicht so schlimm.
Gordon Emons Genau. Das ist so ein Satz, der auch schon seit Generationen besteht: Alle anderen dürfen das, nur ihr seid so streng. Und dann sage ich den Eltern immer, ja, dann sind Sie eben die strengsten Eltern der ganzen Schule.
DM Herr Emons, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Interview: Marie Wildermann


Gordon Emons 
Gordon Emons studierte von 1998-2003 Soziale Arbeit in Freiburg/Br. und absolvierte von 2002-2006 eine Ausbildung in Psychodrama am Moreno-Institut Überlingen/Stuttgart. Seit 2014 leitet der 48-jährige Gordon Emons das Caritas Zentrum für Verhaltenssucht in Berlin.

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