Königs Kolumne

Freiheit – wie soll ich dich vermissen?!

01.07.2025
Eines späten Abends saß ich in Südkorea auf dem Beifahrersitz. Der Fahrer hatte ein Faible für Deutschland. Er spielte koreanische Musik ab, bis plötzlich ein deutscher Song ertönte. Eine Mädchenstimme der mir unbekannten Band „Die Sterne“ säuselte: „Wie soll ich dich, wie soll ich dich, wie soll ich dich vermissen, wenn du immer bei mir bist?“ Stoff zum Nachdenken. Klar, dass ständige Nähe, permanente Präsenz das Vermissen unmöglich machen.

Das gilt nicht nur für den besungenen Liebhaber der Sängerin, der offenbar immer da ist. Das gilt auch für die Gesundheit und die Freiheit. Wer immer gesund ist, vermisst die Gesundheit nicht. Wer frei leben darf, vermisst die Freiheit nicht. Erst wenn sie beschnitten wird, weiß man, was man an der Freiheit hat.

Wer hat mehr Freiheit?
Wenn ein Journalist im Diplomatischen Magazin eine Kolumne über Freiheit schreibt, reizt ihn die Frage, wer eigentlich mehr Freiheit hat: die Journalisten oder die Diplomaten? Interessanterweise gibt es die Pressefreiheit. Aber gibt es auch eine Diplomatiefreiheit?

Pressefreiheit
Als Journalist merke ich im Alltag nichts von der Pressefreiheit. Denn im Normalfall ist sie nicht spürbar. Sie ist unmerklich einfach da. Erst wenn Journalisten Drangsalierung, Druck und Drohungen zu spüren bekommen, ist die Pressefreiheit ein Thema.

Diplomaten-Freiheit
Als Journalist fühle ich mich freier als mancher Diplomat. Der Journalist kann und muss mit jedem reden. Der Diplomat kann das nicht immer. Er muss sich in seiner Zentrale rückversichern, bevor er gewisse Personen kontaktiert. Manche Diplomaten dürfen an einer Veranstaltung sogar nur dann teilnehmen, wenn gesichert ist, dass Vertreter eines verfeindeten Landes nicht anwesend sind. Für Journalisten wäre so etwas erst recht interessant.

Journalisten-Freiheit
Viele Botschafter haben keine wirkliche Redefreiheit. Sie müssen im Ministerium rückfragen, ob sie ein Interview geben können und wem sie was sagen dürfen. Journalisten dürfen jeden interviewen. Umgekehrt kann ein Botschafter aber auch Redepflicht haben: wenn er im Auftrag seiner Regierung etwas „verkaufen“ muss, was seiner persönlichen Ansicht völlig widerspricht (Brexit!) oder wenn er aus verhandlungstaktischen Gründen auf etwas beharren muss, was erkennbar den Tatsachen widerspricht. Für Journalisten, zumindest aus demokratischen Staaten, undenkbar.

Wiener Konvention
Diplomaten dürfen verschweigen, was sie wissen. Manchmal sogar müssen sie es verschweigen. Journalisten tun das Gegenteil. Die Bewegungsfreiheit der Diplomatie wurde durch die Wiener Konvention („Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen“) geregelt, teilweise aber auch eingeschnürt. Obendrein kann das diplomatische Protokoll die Bewegungsfreiheit unerbittlich eingrenzen. 

Keine Einmischung bitte
Laut Konvention dürfen sich Diplomaten nicht in die inneren Angelegenheiten des Gastlandes einmischen. (Ein Punkt, den der frühere US-Botschafter Richard Grenell gründlich missverstanden hatte.) Journalisten hingegen sind völlig frei, sich in die inneren Angelegenheiten des Gastlandes einzumischen. Es ist ihr publizistischer Job als kritische Beobachter.

Ohne Freiheitsgarantien
Aufgabe der Diplomaten ist die Förderung freundschaftlicher Beziehungen mit dem Gastland. Auch hier ist die Aufgabe der Journalisten das Gegenteil. Sie suchen (und finden) die Schwachpunkte von freundschaftlichen Beziehungen. Ich wünsche jedenfalls beiden, Diplomaten und Journalisten, dass sie nie in die Lage kommen, die Freiheit zu vermissen – aus dem einfachen Grund, weil sie immer bei ihnen ist. Garantiert ist das derzeit leider immer weniger.

 

Ewald König ist Inhaber des Berliner Korrespondentenbüros • International Media Projects und Herausgeber von diplo. news. 
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