Interview mit Cem Özdemir
„Gutes Essen Für Deutschland“ –
Die Ernährungsstrategie der Bundesregierung
01.12.2024
© BMEL / Photothek
Cem Özdemir Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft und – seit November 2024 – zusätzlich Kommissarischer Bundesminister für Bildung
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat Anfang 2024 eine Ernährungsstrategie vorgelegt: Gesünder und tendenziell pflanzenbasierter soll die Ernährung der Deutschen werden. Warum die Strategie vermutlich doch nicht zum großen Gamechanger wird – mehr dazu im Interview mit Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft.
DM
Herr Özdemir, Anfang dieses Jahres hat Ihr Ministerium die Ernährungsstrategie der Bundesregierung vorgelegt. Was war die Motivation?
Minister Cem Özdemir
Essen stiftet Gemeinschaft, prägt unsere Kultur und wirkt sich aus auf unsere Gesundheit und unsere Umwelt. Und ganz oft ist Essen einfach Genuss! Und was schmeckt und was man isst, das entscheidet natürlich jeder selbst. Angesichts dieser existenziellen Bedeutung der Ernährung ist es doch erstaunlich, dass noch keine Bundesregierung zuvor eine Ernährungsstrategie vorgelegt hat. Unser Ziel ist es, dass jeder die Chance auf gutes Essen hat. Leider erleben wir, dass eben nicht alle sich gesund und nachhaltig ernähren können – das hat unterschiedliche Gründe. Die Folgen einer ungesunden Ernährung können gravierend sein. Durch Ernährung mitverursachte Krankheiten sind weit verbreitet, beispielsweise leidet mehr als jeder zehnte Mensch in Deutschland an Diabetes Typ 2. Wir möchten, dass alle in unserem Land eine faire Chance haben, gesund aufzuwachsen und gesund alt zu werden. Der große liberale Vordenker Lord Dahrendorf hat es einst auf den Punkt gebracht: „Eine Bildungsrepublik kann am Mittagessen scheitern.“ Sprich, die Ernährungsfrage entcheidet auch über Lebenschancen. Und das fängt bei Kindern an. Mit der Ernährungsstrategie wollen wir es allen leichtmachen, sich gut zu ernähren, wenn sie es wollen.
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Der Zucker-, Fett- und Salzgehalt in vielen Fertigprodukten sei noch immer viel zu hoch, sagt das Ernährungsministerium
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Fleisch lässt sich inzwischen problemlosdurch pflanzliche Alternativprodukte ersetzen
DM
Was sind die Kerninhalte der Strategie?
Minister Cem Özdemir
Mit der Ernährungsstrategie will die Bundesregierung es für alle Menschen in Deutschland möglich und einfach machen, sich gut zu ernähren. Dafür haben wir rund 90 Maßnahmen aus den unterschiedlichsten Bereichen vereinbart, übrigens nicht nur aus dem Zuständigkeitsbereich meines Ministeriums. Wir wollen genauso eine angemessene Ernährung und Bewegung der Menschen unterstützen wie die Lebensmittelverschwendung deutlich reduzieren. Wir wollen eine pflanzenbetonte Ernährung stärken und einen sozial gerechten Zugang zu gesunder und nachhaltiger Ernährung schaffen, das Angebot nachhaltig und ökologisch produzierter Lebensmittel erhöhen und die Gemeinschaftsverpflegung verbessern. Denken Sie zum Beispiel an Kitas und Schulen, Kantinen oder Krankenhäuser: In all diesen Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung essen täglich 16 Millionen Menschen, davon gut sechs Millionen Kinder und Jugendliche. Dass dort gutes Essen zur Auswahl steht, ist für mich nicht nur eine Frage des Respekts, sondern auch eine Riesenchance.
Wenn man unsere Ziele vergleicht mit den Forderungen, die der vom Bundestag eingesetzte Bürgerrat Ernährung erarbeitet hat, dann stellt man da viele Gemeinsamkeiten fest. Das ist Rückenwind für die an den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen orientierten Ernährungspolitik meines Ministeriums.
Wenn man unsere Ziele vergleicht mit den Forderungen, die der vom Bundestag eingesetzte Bürgerrat Ernährung erarbeitet hat, dann stellt man da viele Gemeinsamkeiten fest. Das ist Rückenwind für die an den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen orientierten Ernährungspolitik meines Ministeriums.
DM
Bis 2025 soll die Umsetzung erster Maßnahmen der Ernährungsstrategie erfolgen. Welche Maßnahmen sind das?
Minister Cem Özdemir
Rund zwei Drittel der Maßnahmen werden derzeit schon umgesetzt. Auch sind wesentliche strukturelle Weichenstellungen erfolgt, etwa die Einrichtung einer Geschäftsstelle und einer Interministeriellen Arbeitsgruppe. Manche Projekte, die in die Strategie übernommen wurden, laufen schon länger erfolgreich, etwa unsere Initiative „Zu gut für die Tonne!“, mit der wir Privathaushalte über Möglichkeiten zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung informieren, oder der Nationale Aktionsplan IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung. Viele Maßnahmen nehmen jetzt richtig Fahrt auf, allen voran die Umsetzung des Modellregionenwettbewerbs „Ernährungswende in der Region“. Verteilt über ganz Deutschland wollen wir mit insgesamt zwölf Millionen Euro bis zu zwölf Projektverbünde unterstützen. Fünf Modellprojekte sind bereits gestartet. Sie erarbeiten Ideen und Konzepte, wie man regionale Erzeuger, den Handel, die Verbraucherinnen und Verbraucher sowie die Außer-Haus-Verpflegung zusammenbringt. Es ist doch ein enormer Gewinn für alle, wenn etwa das Gemüse für das Mittagessen in der Schule oder Unimensa vom Bauern aus der Region stammt. Und wo wir gerade von Vernetzung sprechen: Der erste Deutsche Ernährungstag des BMEL zum Thema Gemeinschaftsverpflegung hat im Juni stattgefunden – das Feedback war überwältigend. 2025 wiederholen wir das.
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Es wäre für alle ein Gewinn, sagt Cem Özdemir „wenn etwa das Gemüse für das Mittagessen in der Schule oder Unimensa vom Bauern aus der Region stammt.“
DM
Ernährung wird von vielen stark politisiert, vor allem wenn es um den Fleischverzehr geht. Wie stehen Sie dazu?
Minister Cem Özdemir
Ich halte nichts von Kulturkämpfen. Jeder soll das essen, was er will. Gerade erst habe ich den Ernährungsreport vorgestellt, und siehe da: Die Menschen probieren gerne aus, greifen auch zu vegetarischen Alternativen. Wichtig ist ihnen beim Essen, dass es schmeckt und möglichst gesund ist. Da sieht man, dass die Leute offenbar viel weiter sind als so mancher bayerische Politiker, der uns täglich über seine Social-Media-Kanäle vorschreiben will, wie viele Nürnberger Würstchen und wie viele Maß Bier man konsumieren muss, um ein guter Bürger zu sein.
Ich empfinde das als übergriffig. In der Ernährungsbranche lächelt man über sowas nur müde, denn dort hat man längst auf die veränderten Essgewohnheiten reagiert. Ich habe im Sommer einen großen Hersteller von Wurst- und Fleischprodukten besucht, der schon vor zehn Jahren in die Produktion von pflanzlichen Alternativprodukten eingestiegen ist. Inzwischen macht er mehr als 50 Prozent seines Umsatzes mit Veggie-Produkten. Wir sollten nicht Politik gegen die Menschen machen, sondern sie unterstützen, sich gut zu ernähren. Wir wollen echte Wahlfreiheit. Unsere Ernährungsstrategie ist eine Strategie des Ermöglichens.
Ich empfinde das als übergriffig. In der Ernährungsbranche lächelt man über sowas nur müde, denn dort hat man längst auf die veränderten Essgewohnheiten reagiert. Ich habe im Sommer einen großen Hersteller von Wurst- und Fleischprodukten besucht, der schon vor zehn Jahren in die Produktion von pflanzlichen Alternativprodukten eingestiegen ist. Inzwischen macht er mehr als 50 Prozent seines Umsatzes mit Veggie-Produkten. Wir sollten nicht Politik gegen die Menschen machen, sondern sie unterstützen, sich gut zu ernähren. Wir wollen echte Wahlfreiheit. Unsere Ernährungsstrategie ist eine Strategie des Ermöglichens.
DM
Herr Minister Cem Özdemir, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Interview: Marie Wildermann