Interview
Immaterielles Welterbe
03.11.2025
© Deutsche UNESCO-Kommission
Vizepräsident Prof. Dr. Christoph Wulf
Traditionen, Tänze, Techniken
Das Immaterielle Kulturerbe der Menschheit
Was die neapolitanische Kunst des Pizzabackens, der Karneval in Barranquilla und das Nowruz-Fest gemeinsam haben? Sie gehören zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Doch warum sind traditionelle Feste und Feiern Teil der Menschheitskultur? Darüber spricht Prof. Dr. Christoph Wulf, der viele Jahre Vorsitzender des Fachkomitees Immaterielles Kulturerbe war, im Interview mit dem Diplomatischen Magazin.
Das Immaterielle Kulturerbe der Menschheit
Was die neapolitanische Kunst des Pizzabackens, der Karneval in Barranquilla und das Nowruz-Fest gemeinsam haben? Sie gehören zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Doch warum sind traditionelle Feste und Feiern Teil der Menschheitskultur? Darüber spricht Prof. Dr. Christoph Wulf, der viele Jahre Vorsitzender des Fachkomitees Immaterielles Kulturerbe war, im Interview mit dem Diplomatischen Magazin.
DM
Prof. Dr. Wulf, zunächst die Frage: was meint „Immaterielles Kulturerbe“?
Prof. Dr. Wulf
Immaterielles Kulturerbe bezeichnet lebendige Traditionen, die über Generationen weitergegeben und zugleich immer wieder neu belebt werden. Es geht nicht um Gebäude oder Denkmäler, sondern um Wissen, Fertigkeiten und Ausdrucksformen, die unser Leben prägen. Dazu gehören das Erzählen von Geschichten, Musik, Tänze, Rituale, Feste, Naturwissen und handwerkliche Techniken. Die UNESCO spricht von „lebendigem Erbe“, weil es sich ständig verändert. Jede Generation passt es an ihre Lebenswelt an und interpretiert es anders. Dadurch bleibt es aktuell und zugleich tief verwurzelt. Dieses Erbe stiftet Identität, stärkt Gemeinschaften und bewahrt Vielfalt. Es zeigt sich im Alltag: beim Singen, beim Erlernen eines Tanzes, in Werkstätten, auf Festen, in Familien und Vereinen. So entsteht ein sozialer Raum, in dem Können geteilt, Wissen bewahrt und Kreativität gefördert wird. Immaterielles Kulturerbe ist kein Museumsstück, sondern gelebte Praxis, die Menschen verbindet und eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt.
DM
Warum gehören Feste und Feiern dazu?
Prof. Dr. Wulf
Feste sind wohl die sichtbarste Form des Immateriellen Kulturerbes. Sie vereinen Musik, Tanz, Handwerk, Kulinarik und Rituale zu einem Erlebnis, das Menschen zusammenführt. Ein Fest ist mehr als ein Anlass zum Feiern, es strukturiert den Jahreslauf, schafft Erinnerungen und stärkt das soziale Miteinander. Deutlich zeigt das zum Beispiel das Durga Puja in Indien: Stadtviertel verwandeln sich in kunstvoll gestaltete Tempel, Handwerkerinnen und Handwerker arbeiten wochenlang an Figuren und Bühnenbildern, und Millionen feiern gemeinsam. Ebenso prägend ist das Frühlingsfest Nowruz, das von Zentralasien bis in den Nahen Osten gefeiert wird, den Beginn des Frühlings markiert und Familien über Grenzen hinweg verbindet. Solche Feste sind keine Folklore der Vergangenheit, sondern gelebte Gegenwart. Sie zeigen, wie Traditionen Lieder, Tänze und Handwerk lebendig halten, Orte in Treffpunkte verwandeln und Menschen über Generationen hinweg zusammenbringen. Feste sind damit weit mehr als Unterhaltung – sie sind Ausdruck lebendiger Identität.
DM
Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Fest Teil des Immateriellen Kulturerbes wird?
Prof. Dr. Wulf
Damit ein Fest anerkannt wird, muss es in der Regel seit mehreren Generationen regelmäßig stattfinden und von seiner Gemeinschaft als wichtiger Bestandteil ihrer Identität anerkannt sein. Diese Gemeinschaft, die sogenannte Trägergruppe, muss die Bewerbung als Immaterielles Kulturerbe nicht nur befürworten, sondern selbst aktiv vorantreiben. In der Bewerbung enthalten sein müssen konkrete Maßnahmen zur künftigen Bewahrung und Weiterentwicklung des Kulturerbes: Dokumentation, Ausbildung, Einbindung Jüngerer und die Unterstützung von Praktizierenden. Zudem muss das Fest in einem nationalen Verzeichnis gelistet sein, bevor es die UNESCO auf die globalen Listen des Immateriellen Kulturerbes aufnimmt. Beispiele zeigen, wie das funktioniert: Der Karneval von Oruro in Bolivien vereint Tänze, Masken, Musik und kunstvolle Kostüme, wird jedes Jahr von der Stadtgesellschaft vorbereitet und verfügt über Programme zur Weitergabe der Fertigkeiten. Der Día de los Muertos in Mexiko erfüllt die Kriterien, weil Familien Altäre gestalten, Speisen und Blumen darbringen und Rituale in Schulen und Gemeinden weitertragen. Damit erfüllen sie die Anforderungen für eine UNESCO-Einschreibung: Sie sind lebendig, von den Menschen getragen und sorgen für Dialog und Sichtbarkeit weit über ihre Region hinaus.
DM
Was hat eine Gemeinde oder Region davon, wenn ein Fest Immaterielles Kulturerbe wird? Und sind damit Verpflichtungen verbunden?
Prof. Dr. Wulf
Für eine Gemeinde ist die Aufnahme eine große Auszeichnung. Das Fest rückt stärker ins öffentliche Bewusstsein, zieht Besucherinnen und Besucher an und stärkt oft die lokale Wirtschaft. Noch wichtiger ist aber: Die Menschen erkennen den Wert ihrer Traditionen neu, sind stolz darauf und geben Wissen, Lieder, Tänze und Fertigkeiten weiter. So entsteht Zusammenhalt. Mit der Anerkennung gehen jedoch auch Verpflichtungen einher: Die Gemeinschaft muss die Feier lebendig halten, die Träger einbeziehen, dokumentieren, vermitteln und regelmäßig berichten. Fördergelder fließen nicht automatisch, aber die Sichtbarkeit hilft, Unterstützung zu gewinnen. Oft entstehen Partnerschaften mit Museen, Kulturvereinen und Schulen, die Materialien entwickeln, Archive aufbauen und Programme für Kinder gestalten. So wird der Titel zum Ansporn, ein Fest nicht nur zu feiern, sondern es so zu sichern, dass kommende Generationen selbstverständlich daran anknüpfen können.
Interview Marie Wildermann
Interview Marie Wildermann